Die erste Abtswahl

Bis heute bedient man sich eines falschen Begriffs, wenn man von der Wiederbegründung der Abtei vor dem Ersten Weltkrieg spricht. 1914 entstand keine rechtlich selbständige Abtei, sondern ein von der Gründungsabtei Merkelbeek abhängiges Priorat.

Seit 1933, mit dem Wachsen des Konvents, versuchte man eine Anerkennung als Nachfolgerin der in der Säkularisation aufgelösten alten Abtei zu erhalten. Voraussetzung war der Nachweis, dass der Anspruch kirchenrechtlich noch nicht verjährt war. Verjährung tritt ein, wenn der Tod des letzten Konventsmitgliedes einer aufgelösten Abtei mehr als 100 Jahre zurückliegt.

Am 13. Juli 1845 war Franz von Büllingen als letzter Siegburger Mönch nach der Säkularisation verstorben. Dieses, zusammen mit zahlreichen anderen Unterlagen, Schreiben und Stellungnahmen führten am 28. März 1935 zu einem Dekret des Generalabtes, das bestimmte, dass das „Priorat des heiligen Erzengels Michaels und der heiligen Märtyrer Mauritius und seiner Gefährten in Siegburg zur Würde einer Abtei“ erhoben worden sei.

Damit trat die 1914 zuerst als Priorat wiedergegründete Abtei St. Michael in die direkte Rechtsnachfolge der von 1064 durch Erzbischof Anno II. gegründeten Abtei ein.

Die Wahl von Abt Dr. Ildefons Schulte Strathaus OSB

Abt Dr. Ildefons Schulte Strathaus OSB am Altar in der Krypta.
Abt Dr. Ildefons Schulte Strathaus OSB am Altar in der Krypta.

Nach 148 Jahren, der letzte Abt vor der Säkularisation, Johann Speyart v. Woerden war 1787 gewählt worden, fand wieder eine Abtswahl auf dem Michaelsberg statt. Am 15. April 1935 wurde P. Dr. Ildefons Schulte Strathaus OSB zum Abt gewählt.

Abt Ildefons lenkte die Abtei von 1935 bis zu seiner Resignation 1967 durch die Fährnisse der Zeit. Er war der 47. Abt in der langen Reihe aller Äbte seit der Gründung im Jahre 1064. Sein Wahlspruch, unter den er sein Wirken als Abt stellte, lautete: „Veritati in caritate“ – Für Wahrheit in Liebe.

Er war mitverantwortlich für die Wiederherstellung der Gebäude nach den Fremdnutzungen im 19. Jahrhundert und der Nutzung als Lazarett im Ersten Weltkrieg, erlebte und erlitt 1941 ihre Auflösung durch die Gestapo, stand vor ihren Ruinen nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und trat dann seine große Aufgabe als „Aufbau-Abt“ an, der der Stadt ihr Wahrzeichen wiedergab.

Die Weihe der renovierten Krypta

Blick in die renovierte Krypta.
Blick in die renovierte Krypta.

Am 4. Dezember 1936 konnte er mit seinem Konvent ein erstes großes Fest begehen. Die Krypta der Abteikirche, deren Sanierung man 1932 begonnen hatte, wurde durch ihn feierlich wieder geweiht. Höhepunkt des Tages war es, dass zu diesem Anlass der Schrein des hl. Anno aus der Servatius-Pfarrkirche in die Krypta gebracht wurde.

Der hl. Anno weilte damit, nach 125-jähriger Unterbrechung, erstmalig wieder für eine Nacht in seiner Lieblingsgründung.