Das preußische Zuchthaus

Nachdem die hygienischen Zustände in den alten Gebäuden der aufgelösten Abtei für die Kranken, aber auch die dort Arbeitenden unhaltbar geworden waren, beschloss man staatlicherseits Neubauten. Es wurden die die Landeskrankenhäuser in Bonn und in Düren gebaut und die Irrenheilanstalt 1878 aufgelöst.

Luftbild der Abtei mit angebauten Zellentraktes. Links am Bildrand die Bergstation der Materialseilbahn.
Luftbild der Abtei mit angebauten Zellentraktes. Links am Bildrand die Bergstation der Materialseilbahn.

Für den Michaelsberg fand man rasch eine neue Nutzung. Man brachte ein Gefängnis, dann ein Zuchthaus in den altehrwürdigen Gebäuden unter. Alle Fenster wurden vergittert, schwere eiserne Tore eingebaut, hohe Mauern errichtet und der ganze Berg mit bewaffneten Posten überzogen. Für die Siegburger war „Betreten strengstens verboten“.

Da man keine weiteren Kosten in Umbauten investieren, aber auch die Insassen aus Sicherheitsgründen nicht gemeinschaftlich in den großen Sälen, in denen zuvor die Kranken sich aufhielten, unterbringen wollte, wurden eiserne Käfige als „Einzelzellen“ nebeneinander dort aufgestellt, in die man die Verurteilten einsperrte. Auch damals schon ein Hohn jeder modernen Strafrechtspflege!

Ein neuer Zellenflügel prägt die Silhouette des Berges

Innansicht des neuen Zellentraktes.
Innansicht des neuen Zellentraktes.

Für die Zuchthausnutzung wurde 1890 ein Zellenflügel rechtwinklig an die südliche Bauflucht angebaut, der für die nächsten knapp 30 Jahre das Bild der Abtei verschandelte.

Gut 500 Menschen saßen im gesamten Gebäudekomplex ein, und die Zeitung berichtet: „Nun wurde die ehemalige St. Michaelsabtei erst recht zu einer Verbrecherhochschule. Die Zustände wurden unhaltbar. Zudem vermochten alle Sicherheitsmaßnahmen ein gelegentliches Ausbrechen der dort Untergebrachten nicht zu verhindern. Manchmal erschreckten scharfe und Signal-Schüsse die Bewohner der benachbarten Stadtviertel und manche Flucht wurde an den Stammtischen eifrig diskutiert.“

Die Materialseilbahn

Zusammen mit dem Bau des Zellentraktes, der noch mehr Menschen auf den Berg zusammen pferchte, baute man zur Versorgung eine Seilbahn auf den Michaelsberg.

Die Stützen der Seilbahn am Hang des Michaelsberges.
Die Stützen der Seilbahn am Hang des Michaelsberges.

Das Maschinenhaus stand auf dem Mühlentorplatz. Die Stützenreihe für die Seile zog sich auf den Berg hinauf und endete vor dem barocken Gebäudecarré an der südwestlichen Ecke, parallel des Zellentrakts.

Wenn man weiß, wo man suchen muß, findet man die Stützenlinie auf allen alten Ansichten der Zeit, leider nie mit einem Transportkübel in Betrieb. Wann exakt die Seilbahn ihren Betrieb aufnahm und wann er wieder eingestellt wurde, ist nicht bekannt.

1914 hatte der Spuk ein Ende, die letzten Gefangenen übernahm der Neubau der Strafanstalt in Rheinbach und die Mönche kehrten zurück.

Und am 28. März 1929 dokumentiert eine Zeitungsüberschrift das Aufatmen, das durch die Stadt ging: „Er verschwindet endlich. Der Zellenflügel auf dem Michaelsberg“. Damit war nach der Rückkehr der Mönche im Jahre 1914 nun auch für alle in Stadt ersichtlich, dass der Berg wieder in guten Händen war.